Freitag, 19.12.2014

Hafner

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Flyer der Keramikausstellung (PDF 2335 KB)

Dauerausstellung:

Aus der Erd….Die Hafner des Hinteren Odenwaldes und die Vielfalt der Keramik

Keramik

Der Tatsache, dass Buchen in der Vergangenheit eine zentrale Rolle im Bereich des Hafnerhandwerkes im hinteren Odenwald spielte, zollt das Bezirksmuseums mit einer reichen keramischen Sammlung ihren Respekt. Diese hielt allerdings wegen Umstrukturierungsmaßnahmen eine Zeitlang in Kisten verpackt einen „Dornröschenschlaf“. Pünktlich zum 300-jährigen Jubiläum der Entdeckung der Rezeptur des Porzellans in Deutschland wurde die Keramikausstellung neu eröffnet.

„Aus der Erd und mit der Hand macht der Töpfer allerhand: Krüge, Kacheln, Teller, Scherben, thut sie auch glassiern und färben". (1) Dieser Handwerkerspruch von 1880 gab die Anregung zum Titel der Ausstellung und zeigt, dass das Hauptaugenmerk dem Hafnerhandwerk gilt.

Im Wartturmheft Nr.1/2011 erörtert Prof. Dr. Peter Assion die Entwicklung des Hafnerhandwerks der letzten dreihundert Jahre und zeichnet ein lebendiges Bild der bedeutendsten Hafnerpersönlichkeiten Buchens. Diesem Thema ist der erste Ausstellungsraum gewidmet. Gleich rechter Hand neben der Eingangstüre steht die Töpferscheibe der Töpferei Fertig, eine Glasurmühle und eine Nische zeigt das Sortiment, wie es im Schaufenster des kleinen Verkaufsladens hätte stehen können.

Drei Informationstafeln vermitteln wichtige Daten und Stationen der Töpfereien Müller und Fertig und belegen sie mit anschaulichen Fotos. In der Fensternische daneben liegen Model und Endprodukte von Backformen und Andachtsbildern nebeneinander und veranschaulichen den Fertigungsprozess. Zwei große Vitrinen sind jeweils der Töpferei Fertig und Müller gewidmet. Die Ware Fertigs, Zier- und bemalte Gebrauchskeramik, besticht durch ansprechende Farbgebung und technisch exakte und wohl proportionierte Formen, denn laut Gotthilde Güterbock war er ein „ein Könner ersten Ranges“ (2).

Mit dem ausgestellten Messingstempel signierte er seine Stücke: „Wilhelm Fertig, Hafnerei, Buchen“. Zwar war dies kein Künstlerzeichen aber doch ein Gütezeichen, um den guten Ruf, den die Werkstatt erlangt hatte, zu unterstreichen und wie es sonst kein Hafner im Umkreis benutzte. (3) Die meisten Stücke in dieser Vitrine wurden dem Museum dankenswerter Weise von seinem Enkel W. Bott aus dem Familienbestand als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Eduard Müller, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Buchen kam und hier vor den Toren der Stadt eine Töpferei eröffnete, war ein guter Techniker, was das Drehen und Brennen anging, doch seine Malkünste waren eher bescheiden. Da sich der Schwerpunkt des Sortiments mittlerweile auf Dekorationsstücke verlegt hatte, suchte Müller die Zusammenarbeit mit anderen und fand in dem Reallehrer Karl Tschamber, der künstlerisch sehr begabt und interessiert war, eine perfekte Ergänzung.

Aber er pflegte auch den Kontakt mit anderen Künstlern, wie Ludwig Schwerin und Liesel Guntermann von der „Hollerbacher Malerkolonie“, die seine Werkstücke bemalten oder Entwürfe dafür fertigten. Beispiele dieser kongenialen Zusammenarbeit zeigt die Vitrine III.
Wenn Prof. Assion in seinem Aufsatz intensiv auf die Entwicklung des Hafnerhandwerks der letzten dreihundert Jahre schaut, so darf man nicht außer Acht lassen, dass die Geschichte dieses Handwerks gerade in unserer Region noch viel weiter zurück reicht. So wurde auf der Wildenburg bei Ausgrabungen in den 1930er Jahren eine Überfülle an Hafnerware aus der Zeit der Erbauung der Burg um 1200 und deren Zerstörung im Bauernkrieg (1525) zu Tage gefördert (4). Besonders sind dabei die „Krausen“, Trinkbecher, zu erwähnen, die fast ausschließlich aus Hafnerwerkstätten in dem der Burg benachbarten Ort Mudau stammen (5). Nicht nur auf der Wildenburg wurde solche Keramik gefunden, sondern auch in Buchen, die man in der Vitrine I neben anderen ebenso alten Stücken bewundern kann.
Im 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt die eigentliche Liebe des Hafners der Schüssel und dem Andachtsbild. Im 18. Jahrhundert gelang es ihm vollends die hölzerne Schüssel vom Markt zu verdrängen (6). Es ist die Hochzeit der Spruchschüsseln, die kunstvoll bemalt und mit mehr oder weniger ernsten Sprüchen versehen sind. Zum Beispiel: „Jungfrau lass dich nicht betrügen, sonst musst du rumpeln mit der Wiegen“ oder „es ist ein regell aller Ding des brot ich ess des Lied ich sing“. Das Bezirksmuseum Buchen verfügt über eine beachtliche Sammlung solcher Schüsseln, von denen leider nur ein Teil in den Vitrinen V und VI gezeigt werden kann.

Eine reiche Auswahl aus irdener Gebrauchskeramik findet sich in der Vitrine IV. So zum Beispiel: ein Nachtlicht mit Breiwärmer, eine Bettflasche und diverse Vorratsgefäße sowie die so genannten „Rutscher“. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass diese bauchigen Gefäße als Kochgefäße beliebt waren, insbesondere für Sauerkraut, einem winterlichen Hauptnahrungsmittel und zwar im Hinblick auf die Geschmacksentwicklung des Gerichtes (7). Auch die Gebrauchskeramik wurde schon bald mit Farben ästhetisch schön gestaltet. Ein Prachtexemplar ist ein Teller mit einem so genannten „gefladerten“ Dekor.

Diese Dekorart, die ursprünglich im südlichen Niedersachsen und in Hessen verwendet wurde, sich später dann aber ausgebreitet hat, entstand folgendermaßen: Ringe verschiedener Farbe werden auf die Innenwand oder Fahne einer Schüssel sehr schnell nass aufgetragen. Das Gefäß steht dabei auf der laufenden Scheibe. Bei stehender Scheibe zieht man dann mit einer Schweinsborste oder einem kleinen Pinsel quer durch alle Ringe durch und es entsteht so eine sehr charakteristische Musterung aus mehrfach ineinander geschobenen Wellen: die Fladierung oder das Fladermuster (8). Interessant zu sehen ist die Art, wie ein Gefäß, das einen Sprung aufweist, vor dem endgültigen Bruch bewahrt wurde, wie dies der „gebundene Hafen“ zeigt.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte der Hafnerware in unserer Region führt uns ein Durchgang zu den anderen Gattungen der Keramik, die sich zum Teil parallel entwickelten und schließlich zum Ende eines Handwerkszweiges führten.
An dieser Stelle scheint es passend, ein paar allgemeine Informationen über das Wesen der Keramik auszuführen.
Der Begriff „Keramik“ umfasst all diejenigen Gegenstände, die aus Ton oder tonhaltigen Massen geformt und anschließend gebrannt werden. Bearbeitete, gebrannte und ungebrannte Werkstoffe werden als „Scherben“ bezeichnet (9). Man unterscheidet vier Gattungen, die sich durch das Ausgangsmaterial bzw. dessen Farbe und Dichte und die notwendige Brenntemperatur unterscheiden. Sie sind in der untenstehenden Tabelle zusammengefasst (10).

Die erste Vitrine des zweiten Ausstellungsraumes zeigt eine reiche Auswahl an Steinzeug. Dieses gehört zu den ältesten bekannten Keramikarten überhaupt. Bereits vor 5.000 Jahren wurde es in China und ab dem 12. Jahrhundert in Europa hergestellt. Steinzeug ist eine hoch gebrannte, stoßunempfindliche, harte Keramik. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Irdenware weist es, wie Porzellan, Säure ab, ist widerstandsfähig, wasserundurchlässig und leicht zu reinigen. Voraussetzung für die Steinzeugproduktion ist eine hohe Brenntemperatur um die 1.200°C und besonders feinkeramische Rohstoffe. Der Scherben wird durch die hohe Temperatur gesintert, d.h. die schwerer schmelzbaren Körner im Scherben verkitten und bilden eine sehr dichte Oberfläche. Dadurch ist Steinzeug auch ohne Glasur wasserundurchlässig. Die Farbe des Scherbens ist meist grau bis braun und hängt hauptsächlich vom Eisengehalt im Ton und dem Sauerstoffgehalt im Ofen ab. Letzterer bestimmt die Oxidationsstufe des Eisens während des Brennens. Eine für das Steinzeug typische Glasur ist die Salzglasur, eine so genannte Anflugglasur: Während des Brandes wird Salz in den Ofen gestreut. Dieses verdampft in der Hitze zu Natrium und Chlor, das Natrium reagiert mit dem Ton und bildet eine sehr dünne, widerstandfähige Salzglasurschicht. Außerdem charakteristisch für Steinzeug sind reliefartige Dekore mit bildlichen Darstellungen und Ornamenten. Es wird beim Lufttrocknen so hart, dass es sich im ungebrannten Zustand gut bearbeiten lässt. Die Dekore wurden mit Matrizen (Hohlformen) oder mit Patrizen (erhabene, stempelartige Formen) aus der noch ungebrannten Masse hergestellt und dann an den getöpferten Gefäßen befestigt (11). Für die ebenfalls typische „Blaumalerei“ wurde Kobalt verwendet, für Brauntöne Mangan.

Steinzeug wurde vor allem für die Vorratshaltung und Aufbewahrung von Flüssigem verwendet. Deshalb finden sich häufig Krüge in den Sammlungen, in denen z. B. Wein oder Bier ausgeschenkt wurde. Aber auch Mineralwasserflaschen gab es damals schon. Bekannt sind die grauen, meist blau bemalten Töpfe in denen Essig entweder zubereitet wurde oder Nahrungsmittel mit Essig konserviert wurden. Aber auch in der Apotheke war Steinzeug von Nutzen, um Drogen und Ingredienzien für Heilmittel aufzubewahren.
Steinzeug wurde vom Mittelalter bis ins 19.Jahrhundert vor allem an solchen Orten hergestellt, an denen die besonderen Steinzeugtone vorkamen. Zu den wichtigsten Produktionszentren im 16. Jahrhundert gehörten das Rheinland mit Köln, Siegburg, Aachen, Frechen und Raeren, auch mitteldeutsche Regionen mit Freiberg, Annaberg, Muskau und Bunzlau (12).

Nun folgen in den Vitrinen VIII und IX die Fayencen. Fayencen gehören zur Gruppe der Irdenwaren: Ihr feiner Scherben kann entweder rötlich, grau oder gelblich sein. Bearbeitet wird die Masse entweder auf der Töpferscheibe oder in einem Model (Hohlform), in die der Ton gegossen wird. Nach der Formgebung werden die unglasierten Stücke bei 900 – 1.000°C vorgebrannt, dies ist der so genannte Schrühbrand. Danach werden sie mit einer Zinnglasur überzogen, die der Fayence ihre Wasserundurchlässigkeit verleiht. Auf der angetrockneten Glasur kann nun der farbige Dekor aufgetragen werden.

Hier spricht man von Inglasurmalerei, da der farbige Dekor in die Glasur einsinkt. Der Dekor kann jedoch auch auf die weiß glasierten Stücke bei niedriger Temperatur aufgebrannt und damit haltbar gemacht werden (Muffelbrand). Durch die niedrige Einbrenntemperatur und die gut kontrollierte Brandführung ist eine beträchtlich größere Farbpalette für den Dekor möglich (13). Die sehr aufwändige Herstellung wurde von den Manufakturen von Anfang an in Arbeitsteilung durchgeführt. Für die einzelnen Arbeitsschritte gab es Spezialisten, wie in der unten stehenden  Tabelle ersichtlich:

Es waren die Bemühungen, Tonwaren herzustellen, die der Importware Porzellan äußerlich sehr ähnlich waren, welche die Fayencen hervorbrachten. Seit 1640 entstanden Manufakturen in Delft und im französischen Rouen. Auf deutschem Boden folgte um 1660 Hanau und wenige Jahre später die Freie Reichsstadt Frankfurt. Im 18. Jahrhundert sprossen zahlreiche Unternehmen aus dem Boden. Immer mehr Landesherren vergaben Privilegien durch Erteilung von Konzessionen zur Errichtung von Manufakturen auf ihren Territorien. Sie sollten sowohl der Ausstattung der Schlösser als auch der Industrialisierung des Landes und der Erhöhung der fürstlichen Einkünfte dienen (14). Auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg entstanden Manufakturen in Crailsheim (1723 – 1827), Durlach (1723 – 1840), Schrezheim (1752 – 1856) und Mosbach (1772 – 1827). Der langwierige und komplizierte Produktionshergang brachte hohe Herstellungskosten. Daher arbeiteten viele Manufakturen am Rande der Rentabilität und konnten nur kurze Zeit existieren. Das Buchener Bezirksmuseum verfügt über eine Sammlung aus den Manufakturen Ansbach, Crailsheim, Mosbach und Schrezheim. Ein Krug aus St. Omer in Frankreich zeigt zum einen die Farbenpracht, in der fantasievolle Motive gestaltet wurden, aber auch Fehler im Brennprozess.

Die Vitrinen im Zentrum des Raumes sind dem Porzellan, dem „weißen Gold“ gewidmet. Es ist die feinste und in der Herstellung aufwändigste Keramik, die es gibt. Es ist wasserfest, lichtundurchlässig, dünnwandig, geschmacksneutral, säure- und hitzebeständig. Porzellan eignet sich zur Herstellung von zierlichen Gefäßen und komplizierten Formen, aber auch von stark beanspruchbarem, technischem Gerät. Porzellan setzt sich aus schwer schmelzendem Kaolin, Quarz und leicht schmelzendem Flussmittel, z. B. Feldspat zusammen. Diese Rohmaterialien kommen in der Natur nicht rein vor. Sie müssen vor ihrer Mischung gereinigt und zerkleinert, lange gelagert, danach geknetet und geschlagen werden, um eine homogene Masse zu gewährleisten. Wenigstens zwei Mal muss Porzellan gebrannt werden. Die in Gipsformen eingedrehten Geschirrteile oder die in Formen gegossenen plastischen Elemente werden nach dem Trocknen, geschützt in feuerfesten Kapseln, bei 900°C zum ersten Mal gebrannt; dies ist der Schrühbrand. Das so gewonnene, um ein Sechstel geschwundene Material hat eine ausreichende Festigkeit erreicht und kann weiter bearbeitet werden, z. B. mit Bemalung oder Glasur. Dann erfolgt der zweite, der Glasurbrand. Es existieren unterschiedliche Porzellantypen wie Weich-, Hart-, Fritten- und Knochenporzellan. Die Unterschiede zwischen den Typen hängen von der Zusammensetzung der Porzellanmasse und den daraus resultierenden Brenntemperaturen ab (15). Seinen Namen verdankt diese Gattung der Keramik übrigens einer Meeresschnecke (Septaria porcellana), da man glaubte, ihre pulverisierte Schale sei der Werkstoff der feinen Gebilde aus China.

Rein weißes Porzellan wurde in China im 7.Jahrhundert n. Chr. erfunden. Es war neben der Seide Chinas wichtigster Exportartikel und war in Südasien, im vorderen Orient und in Europa heiß begehrt. So herrschte seit dem 7. Jahrhundert ein reger Seehandel mit Höhepunkt im 17. und 18. Jahrhundert. Doch der Begehrlichkeit waren Grenzen gesetzt. Der weite, beschwerliche Handelsweg engte die Verfügbarkeit ein und die Ware war deshalb sehr teuer. So verwundert es nicht, dass man in Europa Wege suchte, Porzellan selbst herzustellen, um den Markt zu bedienen. Da man sich zunächst auf bekanntem Terrain bewegte, entstanden die Fayencen und erst dem Gelehrten Ehrenfried von Tschirnhaus und dem Alchimisten Johann Friedrich Böttger gelang es, das Porzellan neu zu erfinden, denn das Geheimnis der Herstellung wurde streng gehütet. Wie weithin bekannt ist, war Böttger auf der Suche nach der Herstellung von Gold, welches sein Landesherr, Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, wegen diverser Kriege, in die er verwickelt war, und seiner aufwändigen Hofhaltung dringend benötigte. Es ist im Prinzip Tschirnhaus zu verdanken, dass man sich auf die Experimente mit keramischen Massen konzentriere, die schon seit Jahren der Gegenstand seiner Forschung waren. Allerdings bedurfte er wiederum der Kenntnis und des Spürsinns des Alchimisten, die schließlich zum Erfolg führten (16). 1710 verkündete der Kurfürst von Sachsen die Gründung der „Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur“ in Dresden.

Bis zum Ende des 18.Jahrhunderts wurden weitere bedeutende Manufakturen in Wien, Sevres, Höchst, Fürstenberg an der Weser, Nymphenburg, Berlin, Frankenthal, Ludwigsburg und England (Wedgwood) gegründet. Erst in der Mitte des 19.Jahrhunderts entstanden private Manufakturen aufgrund von Kaolinvorkommen in Nordbayern, Oberfranken, der Oberpfalz und Thüringen. Dort wurden zeitweise bis zu 90% des deutschen Porzellans produziert.

Die gezeigten Stücke kommen sowohl aus fürstlichen (Ludwigsburg, Meißen, Fürstenberg) oder königlichen (KPM= Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, Limoges/Frankreich) Manufakturen als auch aus privaten in Böhmen und Thüringen.

Ein „Schmankerl“ der Ausstellung ist ein (fast)komplettes Tafelgeschirr von 1777 der Porzellanmanufaktur in Niderviller in Lothringen, von dem eine ehemalige Grundherrschaft in der Region im letzten Jahrhundert speiste.

Die Formgebung des Porzellans war natürlich dem Zeitgeist unterworfen. Stile der bildenden Kunst, wie z. B. der Jugendstil, fanden sich auch in Gegenständen des täglichen Bedarfs wieder. Dies zeigt sehr anschaulich die Reihe der Kaffeekannen vom Ende des 19. und des 20. Jahrhunderts in der Vitrine XII. Interessant sind auch die Beispiele von Dekoren des 20. und 21. Jahrhunderts. So würde man die „Form 1382“ von Arzberg nicht sofort in die 1930er Jahre datieren. Aber diese Zeitlosigkeit lag durchaus in der Absicht des Gestalters Dr. Hermann Gretsch, der damit einen Klassiker der Bauhaus-Ära schuf. Während man in der „Form 2000, Gala blau“ von Rosenthal unmittelbar den Stil der 1950er Jahre erkennt.

Steingut ist die jüngste der vier Keramikgattungen. Enoch Booth erfand es im 18. Jahrhundert in England. Seine Rezeptur konnte Josiah Wedgwood 1765 verbessern. Gebrauchsgeschirr aus Steingut stellte er in seiner Manufaktur „Etruria“ her. Schon Ende des 18. Jahrhunderts entstanden auch in Deutschland die ersten Steingutfabriken, die den Fayence- und Porzellanmanufakturen Konkurrenz machten. Dazu gehören unter anderen die Manufakturen Villeroy & Boch und die Zeller Keramiken im Ortenaukreis (bekannt durch das „Hahn und Henne“ Motiv). Steingut ist eine dauerhafte, leichte, dünnwandige und kostengünstig zu produzierende Keramik. Dafür wird Ton, Quarz und Feldspat oder Kalkstein vermischt. Man erhält einen weißlichen, zum Teil auch gelblichen Steingutscherben, der viel fester und stabiler ist als der der Fayence. Zugleich ist der Scherben porös, also wasserdurchlässig, und bekommt daher fast immer eine farblose, durchscheinende Glasur. Die Engländer bezeichnen Steingut wegen seiner blassgelben Farbe als „cream ware“ oder als „cream-coloured earthenware“.

Gegenstände aus Steingut werden gegossen und zweimal bei hoher Temperatur gebrannt. Nach dem ersten Brand werden sie bemalt oder bedruckt, dann glasiert und ein zweites Mal gebrannt. Steingut ist aufgrund seiner hohen Saugfähigkeit als Untergrund für Umdrucke sehr gut geeignet. Dafür bestreicht man eine gravierte Kupferplatte mit Keramikfarben und druckt diese auf Papier. Dann wird das Papier auf die Keramik gepresst und anschließend wieder abgezogen. Der entstandene Dekor ähnelt Kupferstichen und ermöglicht kostengünstige Massenproduktionen (17). Schöne Beispiele dafür sind die Teller der 1820 gegründeten Manufaktur in Schramberg in der Vitrine X. Hier finden sich auch Exponate aus England und last not least eine Waschgarnitur, die noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen deutschen Haushalten in Gebrauch war.

Die Fensternischen dieses Raumes wurden geschickt in die Präsentation einbezogen und mit Informationsfahnen bestückt. Ergänzt werden sie durch zwei Didaktikwände und einen Film über Hafnerarbeit, „Töpferhandwerk am Oberrhein“ vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Schon in den 1920er Jahren wurde das Bezirksmuseum Buchen als eines der bedeutendsten und reichhaltigsten Museen in Süddeutschland bezeichnet. Mit der Neukonzeption der Abteilung Keramik wird es diesem Anspruch erneut gerecht. Der Schwerpunkt der Ausstellung, die aus­führliche und anschauliche Darstellung der Geschichte des Hafnerhandwerks in Buchen und seiner Region wird sinnvoll ergänzt um die weiteren Gattungen der Keramik. So entsteht ein umfassendes, anregendes, übersichtliches und ästhetisch ansprechendes Bild über Dinge des alltäglichen Gebrauchs und ihre Entwicklung.

 

Quellenangaben:

(1) Schröder, Joachim, Töpfer – Vom Lehmklumpen zur Tonvase,    http://www.brauchtumsseiten.de
(2) Assion, Prof. Dr. Peter, „Die letzten Hafner am Ostrand des Odenwaldes  Persönlichkeiten – Kundschaft – Ware“, gekürzte Fassung in DER WARTTURM, Heimatblätter des Vereins Bezirksmuseum Buchen e.V., Nr. 1/2011, Seite 15
(3) Assion, Prof. Dr. Peter, ebenda, Seite 15
(4) Walter, Max, Zur Geschichte der Häfnerware im hinteren Odenwald, in: Keramik am Untermain (= Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e.V. 8), Aschaffenburg 1964, S.97.
(5) Walter, Max, ebenda, S. 101
(6) Walter, Max, ebenda, S. 113
(7) Assion, Prof. Dr. Peter, ebenda S. 7
(8) Stieber, Paul, Deutsches Hafnergeschirr, in Ethnologia Bavaria (Bayerische Blätter für Volkskunde) Heft 1, Auszug aus dem Abschnitt „Dekor“, S. 272 und 273
(9) Maaß, Almut, Kunst der Keramik. Vom Barock bis heute: Majolika, Fayence, Steinzeug und Porzellan. Herausgegeben vom Staatsanzeiger-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Württembergischen Landesmuseum Stuttgart und den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg, August 2004, S. 2
(10) Maaß, Almut, Kunst und Keramik, ebenda, S.2
(11) Maaß, Almut, Kunst und Keramik, ebenda, S.4
(12) Maaß, Almut,Kunst und Keramik, ebenda, S.4
(13) Maaß, Almut,Kunst und Keramik, ebenda, S.2
(14) Stratmann-Döhler, Rosemarie, Kunst der Keramik, ebenda, S. 24
(15) Maaß, Almut,Kunst und Keramik, ebenda, S.5
(16) Franzke, Irmela, Kunst und Keramik, ebenda, S. 11
(17) Maaß, Almut,Kunst und Keramik, ebenda, S.6
 
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